Eine Opferrolle vorwärts

Wie schon letztes Jahr gebe ich auch im kommenden Sommersemester ein Seminar über den Islam in Europa. Um das Klientel — Lehramtsstudierende aller Fächer — mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass muslimische Identität grundverschiedene Formen annehmen kann, nutzte ich beim letzten Mal Youtubevideos, die über die unterschiedlichen Arten Aufschluss gaben, auf die deutsche Rapper mit muslimischem Hintergrund ihre Religiosität definieren. Dabei wählte ich neben dem Provo-Proll Bushido, dem puritanischen Missionar Ammar114 und dem notorischen Antisemiten Hasan K auch den Berliner (Ex-)Gangsterrapper Deso Dogg. Der gab sich in „Wilkommen in meiner Welt“ als Verbrecher auf der Suche nach Läuterung, dem der Islam ein Gegengewicht und ein möglicher Ausweg aus einer „Welt voll Hass und Blut“ ist.

Im kommenden Semester ist er für diese ambivalente Rolle kaum noch geeignet (mehr…)

Liebes Windows

Liebes Windows,
wir kennen uns schon lange. Um genau zu sein seit 1993. Du warst 3.11 und ich 11. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Wir haben uns beide entwickelt, aber trotzdem haben wir beide unsere Macken. Ich habe gelernt, damit zu leben, dass du 4 Versionen nach unserem ersten Date immer noch Probleme mit langen Datei- und Ordnernamen hast, Du musst Dich damit arrangieren, dass ich mich ab und zu mit anderen Betriebssystemen herumtreibe. Wenn wir aber gerade 29.406 Elemente kopiert haben und Dir 15 davon zu lang sind, füge in Zukunft auf dem Fehlerbildschirm doch bitte die Option „Dateinamen automatisch kürzen, ohne dass der Benutzer sich die 15 Dateien manuell suchen muss“ ein.
Danke,
Floris

Liebes Windows

Mit Sch

Android zeigt sich sogar noch humorvoll, wenn es ums Wetter geht…

Vorwiegend wolkig mit Sch

Where’s the Fucking Money?!

„Where’s the fucking money?!“ (The Dude)

Die Geschehnisse im östlichen Mittelmeer, die Anfang Juni die Welt kurzzeitig aus den Angeln zu heben schienen, haben – man mag es kaum glauben – einen Gießener Lokal- und Unibezug. Denn es begab sich recht genau ein Jahr zuvor, dass in der Alten Universitätsbibliothek unserer mehr oder minder schönen Stadt eine gänzlich unschöne Veranstaltung stattfand. Worum es dabei gehen sollte, ließ schon das Plakat erahnen:

Das Plakat zur Veranstaltung

Das auf diesem Bild stereotyp durch leere Kindergesichter illustrierte Leid war kein allgemein menschliches, das humanitär gelindert1, sondern nationales, das politisch ausgeschlachtet werden sollte. Darauf verweist schon die das Plakat dominierende Flagge der palästinensischen Nationalbewegung – von den unappetitlichen Implikationen des Konzeptes „Blut für Gaza“ ganz zu schweigen.
Als Veranstalter und Unterstützer war auf dem Plakat eine ziemlich bunte Ansammlung von Gruppierungen kenntlich gemacht, darunter eine Reihe seriöser Organisationen und offiziöser Institutionen – die Katholischen Hochschulgemeinde (KHG), die Evangelischen Studierendengemeinde (ESG), der Ausländerbeirat der Stadt Gießen und die Ausländische Studierendenvertretung des AStA der JLU Gießen – an erster Stelle aber ein damals noch wenig prominenter Verein: die „Internationale Humanitäre Hilfe“, kurz IHH.
Schon oberflächliche Recherchen ergaben, dass bei diesem Verein so gar nicht alles im Reinen ist. Belege für Verbindungen zu und Kooperationen mit der gemäßigt islamistischen, aber in jedem Falle reaktionären „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG) ließen sich an verschiedenen Stellen finden.2 Zudem verwiesen einige Artikel im Netz darauf, dass auf Veranstaltungen der IHH in der Türkei regelrechte Verbrüderungen mit der Hamas, deren offizielles Ziel nach wie vor die Vernichtung Israels und die Errichtung eines islamischen Staates ist, stattgefunden hatten.
Es gab also Grund genug, die Kooperationspartner_innen aus Gießen darauf hinzuweisen, mit wem sie sich da auf was eingelassen hatten. Dies führte dazu, dass KHG und ESG von der Unterstützung der IHH-Aktion absahen. Der Ausländerbeirat und die Ausländische Studierendenvertretung konnten sich leider nicht dazu entschließen, diesem Beispiel zu folgen, so dass Vortragsveranstaltung und Blutspendeaktion, bei der die Spender_innen der Gießener Campus-Blutspende dazu angehalten wurden, ihre Vergütung direkt an die IHH weiterzugeben, im Wesentlichen wie geplant stattfanden.
Am Abend der Veranstaltung sprach ich die IHH-Rednerin, die Medizinerin Zeliha Vural, auf die im Raum stehenden Vorwürfe an. Darauf erwiderte sie, dass sie mit Milli Görüs gar kein Problem habe; Verweise auf antisemitische Ausfälle in Milli Gazete und von Necmettin Erbakan ließ sie als Argument nicht gelten, da dies nicht die deutsche IGMG betreffe. Ähnlich verteidigte sie auch die deutsche IHH. Diese habe mit der Hamas-Verbrüderungen und antiisraelischen Hasstiraden rein gar nichts zu tun, dergleichen habe nur von Seiten der türkischen IHH stattgefunden. Mit dieser sei die deutsche weder verwandt noch verschwägert, beide teilten sich nur zufällig die Abkürzung. Die IHH (de) für das Verhalten der IHH (tr) haftbar zu machen sei, führte Vural aus, gerade so, als bestrafe man einen Peter Müller für die Handlungen eines anderen Peter Müller, bloß weil beide denselben Namen trage. Auf den ersten Blick könnte einem der gehegte Verdacht beinahe Leid tun, doch schon beim zweiten kommt die Frage auf, warum Gesicht und Frisur der beiden Peter Müllers sich eigentlich zum Verwechseln ähnlich sehen.

Zur Illustration die Logos der beiden Organisationen. Zuerst das der deutschen „Internationalen Humanitären Hilfe“…
Das Logo der deutschen IHH
…und dann das der türkischen „İnsan Hak ve Hürriyetleri İnsani Yardım Vakfı“.
Und das Logo der türkischen IHH

Man könnte nun natürlich gutgläubig vermuten, dass die unangenehme IHH (tr) eine Trittbrettfahrerorganisation der harmlosen IHH (de) ist und deren Logo und Namen für sinistre Zwecke ausnutzt. Allerdings stellt sich dann doch die Frage, warum man sich bei der IHH (de) nur auf Nachfrage und erst nach Jahren von den offenen Islamisten distanziert, die seit den 90ern dasselbe Akronym und das beinahe identische Logo benutzte.
Zudem haben die beiden Peter Müllers auch noch gleichnamige Verwandte. Denn ebenso, wie die IHH (de) in direkter Linie von der deutschen Islamischen Gemeinde Milli Görüs abstammt, ist auch die IHH (tr) eine Tochter des türkischen Milli Görüs-Zweiges.
Entsprechend ist die von Vural vorgetragene „Distanzierung“ der IHH (de) von der IHH (tr) auch ungefähr so glaubwürdig wie die vordergründigen Abgrenzungen der deutschen Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) von der türkischen Milli Görüs-Bewegung des notorischen Antisemiten und Islamisten Necmettin Erbakans: gar nicht.3

In den Fokus des öffentlichen Interesses gerieten diese Vereine nach dem vereitelten, aber im Scheitern doch erfolgreichen Versuch der Gaza-Flotte, die israelische Seeblockade zu durchbrechen. Denn nicht nur war die IHH (tr) zentral an Planung, Organisation und Durchführung der Aktion beteiligt, auch wurde offenbar, dass sie dabei direkt mit der Hamas zusammenarbeitete und die Gewalt auf dem Schiff gezielt eskalieren ließ.
Unmittelbar nach den Vorfällen sah sich die IHH (de) jedoch vor allem dazu veranlasst, das israelische Vorgehen scharf zu verurteilen4 – Gewalt und antisemitische Parolen von Seiten der Schiffsbesatzungen blieben dabei freilich unerwähnt. Als sich aber in Presse und Öffentlichkeit die Stimmen mehrten, die eben hierauf und die Rolle der IHH (tr) verwiesen, kam es zur ersten wirklich öffentlichen Abgrenzung – offenkundig hatte man nun doch Angst um den eigenen Ruf und zukünftige Spendeneinkünfte. Auf die zufälligen Ähnlichkeiten der Logos und den sich ebenfall gleichenden Verbindungen zu Milli Görüs im jeweiligen Land schwieg man sich dabei freilich ebenso aus wie eine wirklich inhaltliche Distanzierung unterblieb. Man verwies lediglich darauf, dass es zwei getrennte Organisationen seien.
Angesichts dieses undurchsichtigen Gebarens, angesichts der Tatsache, dass es im Umfeld von Milli Görüs in den vergangenen Jahren immer wieder zu Skandalen kam, in denen Gelder entweder in den Privatschatullen von Funktionären oder – was hiervon nicht immer klar zu trennen ist – in Netzwerken des politischen Islam verschwanden, und angesichts der aktuell gegen IGMG-Generalsekretär Oguz Ücüncü laufenden Ermittlungen wegen Geldwäsche zugunsten islamistischer Organisationen stellt sich die Frage, was mit dem Geld passiert ist, dessen Sammlung zu unterstützen Ausländische Studierendenvertretung 5 und Ausländerbeirat für politisch angebracht hielten.
Kam es wirklich notleidenden Menschen in Gaza zugute, wie es die meisten Spender_innen wohl glaubten? Oder ging es doch für das Chartern der Gaza-Schiffe drauf? Oder wurden damit die Schläger bezahlt, die die israelischen Soldaten an Bord empfingen? Oder wurden damit deren Messer, die die Photoshop-Agentur Reuters aus den Bildern zu schneiden bevorzugte, bezahlt?

Seit heute besteht etwas mehr Hoffnung, dass auf diese Fragen wenigstens ansatzweise eine Antwort gefunden wird, denn das Bundesinnenministerium hat die deutsche IHH nun mit Verweisen auf direkte und indirekte Unterstützung der Hamas verboten. Da die IHH auf ihrer nun abgeschalteten Homepage nicht mehr reagieren kann, sprang ihr die IGMG natürlich sofort zur Seite, und behauptete, die Vorwürfe seien völlig aus der Luft gegriffen. Interessant ist nun, ob sich die IGMG beziehungsweise die IHH dabei tatsächlich so weit im Recht wähnt, dass sie auch Rechtsmittel einlegt, und welche Beweise dann von der jeweiligen Seite vorgebracht werden. Vielleicht klärt sich dann ja auch, durch welche Kanäle das Geld von der Gießener Uni wohin floss.

  1. Womit nicht behauptet werden soll, dass es die allgemein mitmenschliche Barmherzigkeit wirklich gibt, aber Abstufungen scheinen doch angebracht. [zurück]
  2. Spätere Recherchen im Vereinsregister ergaben dann, dass der IHH-Vorstand gänzlich aus prominenten Milli Görüs-Mitgliedern bestand. [zurück]
  3. Seit den 90ern und intensiver seit 9/11 versucht die deutsche IGMG mit gemischtem Erfolg vom Image einer islamistischen Organisation loszukommen. Insbesondere, da man sich bislang nicht dazu durchringen konnte, sich offensiv von der islamistischen und antisemitischen Ideologie des türkischen Milli Görüs-Gründers Necmettin Erbakan loszusagen und nach wie vor eine sehr konservative Auslegung des Islam vertritt, bleibt jedoch der Verdacht einer nur oberflächlichen Distanzierung. Die verschiedenen Positionen werden in diesem Streitgespräch recht deutlich. [zurück]
  4. Die Seite www.ihh.com wurde heute im Rahmen des Vereinsverbotes (s.u.) abgeschaltet, weshalb an dieser Stelle keine Links angeführt werden können [zurück]
  5. Die ASV wurde nach zwischenzeitlichen Neuwahlen fast komplett neu besetzt. [zurück]

Burn, Baby, Burn!

Dass ein so genanntes „großes Turnier“ vor der Tür steht, erkennt man hierzulande eindeutig an dem vermehrten Auftreten von Schwarz, Rot und Gold. Denn nicht einmal beim Song Contest kann man so gut zeigen, dass in Deutschland „endlich wieder“ alles normal – und normal heißt flaggenschwingend – ist, wie man es beim Fußball kann. Nun will ich mich aber gar nicht lange damit aufhalten, dass schon das seit 2006 immer wiederkehrende Herausschreien der Normalität nicht auf Normalität, sondern auf Leichen im Keller verweist. Auch nicht damit, dass eine solche Normalität vielleicht gar nicht erstrebenswert ist. Stattdessen erfreue ich mich an den illustren Formen, die diese drögen drei Farben so annehmen. Zum Beispiel in der „FANtastischen“-Produktauswahl des Discounters Penny.
Diese Palette verweist auf manches. Beispielsweise auf das Glück, dass die Deutschen mit ihren Nationalfarben haben. Denn offenkundig haben sich die alt-48er seinerzeit Gedanken darüber gemacht, dass Fußballfans eines Tages ein Bedürfnis nach „Knicklichtern in Nationalfarben“ haben würden, und sich aus genau diesem Grunde für Schwarz als ein Drittel der Nationalfahne entschieden. Dieser wenig leuchtende Ton mag zunächst als Manko erscheinen, doch hat er, wenn man es recht bedenkt, gleich zwei große Vorteile. Zum einen spart die Industrie auf diese Weise wertvollen Leuchtstoff, was in diesen miesen Krisenzeiten nur gut sein kann. Zum anderen können die Deutschen so im Dunkel als Spanienfans durchgehen – und das dürfte auch schon ihre beste Chance sein, in diesem Sommer mit fußballerischem Können in Verbindung gebracht zu werden.

Spanienknicklicht mit schwarzem Griff
Spanienknicklicht mit schwarzem Griff

Die offenkundigen Mängel im deutschen Fußball scheinen jedoch auch den Marktforschern von Penny nicht entgangen zu sein. Denn gerissen, wie sie sind, wissen sie genau, dass es beim Fußball – insbesondere beim deutschen – nicht nur Grund zur Freude gibt. Daher haben sie neben Utensilien zum Feiern auch solche zur nationalen Trauer im Programm: Nationalfarben-Kleenex im Doppelpack. Denn ein Vorrunden- oder Viertelfinalaus trifft den Fan nur halb so hart, wenn sich Rotz und Wasser in zartes schwarz-rot-güldenes Papiergewebe ergießen können.

Für die deutsche Leidkultur
Für die deutsche Leidkultur

Das schönste aller Penny-Fan-Produkte ist aber ein kulinarisches: Grillwürstel in Nationalfarben. Denn in diesen kommt gleich dreierlei zusammen, das Fanherzen höher schlagen lässt: phallische Form, archaisch zubereitete Feuerkost und nationale Identität. Doch wirft dieses Produkt nicht nur Fragen nach dem guten Geschmack auf, sondern auch juristische. Schließlich ist es in Deutschland verboten, die Nationalflagge zu verbrennen – aber wo genau verläuft hierbei die Grenze zwischen Recht und Unrecht? Ist schon das bloße erhitzen über glühenden Kohlen justiziabel? Eine Knusprige Haut? Die Bräunung der Oberfläche? Oder erst der Augenblick, in dem alle Farben in ein gleichmäßiges Schwarz übergehen? Um es herauszufinden werde ich Penny vorbeugend der Beihilfe zur Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole anklagen.

Wenn sie verbrennen, kommt nicht die Feuerwehr, sondern die Polizei
Wenn sie verbrennen, kommt nicht die Feuerwehr, sondern die Polizei

Mit Hattip an Offensive Selbstverteidigung.