Wetzlar islamisiert!

Ab und an holt sie einen wieder ein, die Jugend auf dem mittelhessischen Dorf. So fühlte ich mich heute in die 90er Jahre zurückversetzt, während derer in meinem trauten Heimatdörflein an der Dill die NPD-Postwurfsendungen aus dem Nazilädchen Zutts Patriotentreff mit dem Wetzlar Kurier von CDU-Rechtsextremausleger H. J. Irmer um die Gunst des Pöbels wetteiferten. In Sachen Rechtschreibschwäche konnte der Oberstudienrat Irmer zwar bei Weitem nicht mit dem Geschmiere der Zutts mithalten, wenn es aber ums Hetzen ging, stand er diesen immer nur gerade so viel nach, wie er musste, um nicht die Grenze zum Justiziablen zu überschreiten. Während die Zutts frei von der Leber gegen „antideutsche“ Politik derer „da oben“ wetterten und forderten, Schüler sollten endlich lernen, dass die Juden Deutschland den zweiten Weltkrieg erklärt hatten, war dem oberlippenbärtigem Unionspolitiker klar, dass solche Thesen nicht einmal in der hessischen CDU gern gesehen sind. Also musste er sich auf Linke, Schwule und „Ausländer“, am liebsten „kriminelle“1, beschränken.
Manches hat sich seitdem geändert. Erreichte die NPD in den 90ern bei Kommunalwahlen knapp ein Viertel der Stimmen, haben der „Aufstand der Anständigen“ und eine vor-Ort-Intervention von Michel Friedmann deren Quote auf läppische 4,9% reduziert; an der Kreuzung von Wetzlarer Straße und Bahnhofstraße, wo weiland die schwarz-weiß-roten Flaggen des Patriotentreffs flatterten, dreht sich heute behäbig ein Kreisverkehr, in dessen Mitte eine nur geringfügig geschmackvollere bronzene Ziegenfamilie die Passanten bedroht.

Die Nachfolger der Zutts
Ziegen statt Zutt, die neuen Leithammel im Dorf

Anderes ändert sich wohl nie. Immer noch trägt Irmer seinen Oberlippenbart, immer noch gibt er den Wetzlar Kurier heraus und immer noch wird er mit satten Mehrheiten in den hessischen Landtag gewählt, von wo aus er Herrn Koch und Frau Henzler als bildungspolitischer Sprecher zuarbeiten darf. Doch wäre es unfair zu sagen, er habe sich in all den Jahren überhaupt nicht weiterentwickelt. Gelernt hat er immerhin, dass man im neuen Jahrtausend nicht mehr „kriminelle Ausländer“, sondern „Muslime“ sagt, wenn man sein rassistisches Inneres zwecks Wähleranwerbung nach außen kehrt.2 Dass er diese Lektion verstanden hat, durfte er diese Woche in der Wetzlarer Neuen Zeitung – die sich noch nie für irgendetwas zu schade war – unter Beweis stellen. Dort macht er dem Parteifreund Wulff, der im Lahn-Dill-Kreis wohl wegen linksextremer Gesinnung unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen würde, schwere Vorwürfe dafür, Aygül Özkan zur Ministerin berufen zu haben. Schließlich sprach sich diese ganz laizistisch gegen Kuzifixe in Klassenzimmern aus. Doch ebenso wie der AKP in der Türkei ist der CDU im Lahn-Dill-Kreis zu viel säkulare Überzeugung nicht geheuer, repräsentiert das Kreuz doch „die prägende Kraft des Christentums für unsere Kultur schlechthin“. Als Marker kultureller Identität hält es, richtig eingesetzt, offenkundig nicht nur Vampire, sondern auch Muslime ab, die sonst „auf die Eroberung der Weltherrschaft fixiert“ ungehindert ins Dilltal strömen.
Da ich – in knapper Not aus besagtem Dorf nach Wetzlar entkommen – selbst lange genug die Bank einer Schule drückte, in der Irmer Lehrer war, kann ich mit Sicherheit sagen, dass es dort keine Kreuze gibt! Nicht ein einziger genagelter Gottessohn zum Schutz vor der Invasion aus dem Osten! Dies wirft unmittelbar die Frage auf: Hat sie schon stattgefunden, die „gefühlte Landnahme“? Ist der Lahn-Dill-Kreis schon islamisiert? War er es damals schon? Das würde jedenfalls erklären, warum die alte Nachbarsfrau beim Straßefegen immer ein Kopftuch trug.

  1. Gegen die machen heute auch ganz andere Stimmung… http://juergenelsaesser.wordpress.com/2010/03/19/kriminelle-auslander-raus/ [zurück]
  2. Eine Lektion, die Irmers Chef Koch 2008 noch nicht verstanden hatte… [zurück]