„Dialektisch zugleich und undialektisch“

Das Verhältnis von Kolonialismus, Antikolonialismus und Emanzipation ist vieles, aber gewiss nicht eindimensional; dennoch wurde es oft genug eben so gedacht.1 Beispielsweise vor gut dreißig Jahren von meinem Vater, der als Kader einer – zuletzt durch Sven Regeners Neue Vahr Süd zu neuer Prominenz gekommenen – maoistischen K-Gruppe glaubte, jede Einmischung eines Staates in einem anderen sei imperialisitisch und böse, jeder Kampf gegen eine solche Einmischung antiimperialistisch und gut, was dann folgerichtig zu einer Parteinahme für das „Demokratische Kampuchea“, soll heißen für die Roten Khmer, und gegen den „vietnamesischen Imperialismus“, soll heißen gegen die Beendigung des Massenmordes in Kambodscha, führte. Genauso eindimensional nur in umgekehrter Richtung machte es sich 100 Jahre zuvor Jules Ferry, als er die bis heute fortwesende2 Idee der mission civilatrice ausformulierte, nach der die Eroberung und Kontrolle eines „unzivilisierten“ Landes durch die Kolonialmacht den Kolonisierten nach einiger Zeit zum „zivilisierten“ Glück gereichen sollte – dass die Realität nicht nur im französischen Imperium anders aussah, bedarf keiner weiteren Ausführung. Weitere 30 Jahre zuvor glaubte Marx irgendwo zwischen diesen Polen zu wissen, der Kolonialismus sei grausam und das von ihm angerichtete Leid „sickening“, doch erfülle er dabei die Aufgabe, mit überkommenen Ordnungen, mit „despotism“, „superstition“ und „traditional rules“ aufzuräumen und somit den Weg für die angedachte „wirkliche“ Emanzipation freizumachen – auch das hat, vorsichtig ausgedrückt, so nicht hingehauen. Lenins Weiterentwicklung dieser Überlegungenen, die im antiimperialistischen Kampf den Faden entdeckt, an dem man ziehen muss, um das kapitalistische Weltsystem aufzulösen, bedarf hier schon deshalb keiner weiteren Ausführung, weil sie letztlich doch bei den antiimperialistischen Politsekten der 70er endete.
Man könnte nun auf die Idee kommen, dass eine abstrakte Aussage für, wider oder für-und-wider Imperialismus oder Antiimperialismus unmöglich ist, aber eine Betrachtung der Einzelfälle weiterhilft. Doch auch eine solche macht die Angelegenheit nicht unbedingt klarer. Schaut man etwa auf das frühere Rhodesien und heutige Simbabwe und bedenkt die jedem Begriff von „Zivilisation“ Hohn sprechenden institutionell-rassistischen Zustände im erst von England und dann von weißen Siedlern beherrschten Land, ist man zunächst versucht, jeden Kampf gegen diese Herrschaft als einen für Freiheit zu bezeichnen. Doch schon die Tatsache, dass Robert Mugabes ZANU dabei eine Linie verfolgte, die ihr die Solidarität der eingangs erwähnten maoistischen Sekte aus Westdeutschland einbrachte, weckt Zweifel daran, dass das ganze mit „Freiheit“ in einem positiven Sinne irgendetwas zu tun hat – Zweifel, die durch die heutigen Zustände im nunmehr „postkolonialen“ und nach drei Jahrzehnten immer noch von Mugabe diktatorisch regierten Land bestätigt werden.
Vermutlich bedürfte eine angemessene Äußerung einer ganzen Menge an Differenziertheit in der Darstellung, Dialektik im Denken, ein Einbeziehen der Situationen subalterner Gruppen sowie kultureller Hybridität und diverser anderer theoretischer Catchphrases. Doch wenn ich im Kapitel Women, Gender and Anti-colonialism3 aus Robert Youngs Postcolonialism. An Historical Introduction folgende Sätze über den „Freiheitskampf“ in eben diesem Simbabwe lese, fällt mir doch eines ein, das der geneigte Wissenschaftler ohne großen Aufwand tun könnte:

„Between the freedom fighters and those who remained in their houses feeding them, young men and women also worked in a more ambiguous category asmujiba and chimbwido. […] The term for young women, chimbwido, means both an errand-girl and, more suggestively, a wild fruit: in practice, they looked after the freedom-fighters by feeding and clothing them, and were also expected to sleep with them; they often became pregnant by them. Sometimes girls volunteered to become chimbwidos; at other times, when staying near a village the freedom fighters would simply choose girls to be chimbwidos, while requiring all the young people to sleep with them as a means of ensuring that the villagers would not inform the security forces where they were“ (365).

Man könnte einfach darauf verzichten, die unmittelbaren Täter und Drahtzieher organisierter Vergewaltigung4 indikativisch und anführungszeichenlos als „Freedom Fighters“ zu titulieren.

  1. Wer auf den Punkt formulierte Texte bevorzugt, möge die nächsten zwei Absätze überspringen. [zurück]
  2. und freilich über eine lange Vorgeschichte verfügende [zurück]
  3. Eine weitere interessante Einsicht im selben Kapitel: „[S]ocialists an communists always fully supported and implemented rights for women, which were regarded as an essential part of the drive for equality“ (372). Die Tomaten sind also umsonst geflogen. [zurück]
  4. Eine Seite zuvor (364) bezeichnet Young ähnlichen Handlungen als „to exploit in predictable ways“, ohne genauer auszuführen, welche Art von „exploitation“ weiblicher „freedom fighters“ durch männliche nun „predictable“ ist oder um was für eine Art von „freedom“ es sich dann wohl handelt. [zurück]