Eine Opferrolle vorwärts

Wie schon letztes Jahr gebe ich auch im kommenden Sommersemester ein Seminar über den Islam in Europa. Um das Klientel — Lehramtsstudierende aller Fächer — mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass muslimische Identität grundverschiedene Formen annehmen kann, nutzte ich beim letzten Mal Youtubevideos, die über die unterschiedlichen Arten Aufschluss gaben, auf die deutsche Rapper mit muslimischem Hintergrund ihre Religiosität definieren. Dabei wählte ich neben dem Provo-Proll Bushido, dem puritanischen Missionar Ammar114 und dem notorischen Antisemiten Hasan K auch den Berliner (Ex-)Gangsterrapper Deso Dogg. Der gab sich in „Wilkommen in meiner Welt“ als Verbrecher auf der Suche nach Läuterung, dem der Islam ein Gegengewicht und ein möglicher Ausweg aus einer „Welt voll Hass und Blut“ ist.

Im kommenden Semester ist er für diese ambivalente Rolle kaum noch geeignet, denn er ist diesen Ausweg ein paar Schritte weiter gegangen. (*) So hält er Unterhaltungsmusik nunmehr insgesamt für haram (verboten). Wenn er singt, dann nur noch zu religiösen Zwecken — und diese religiösen Zwecke haben es in sich. So heißt es:

Inshaallah, Inshaallah
wir kämpfen, fallen, Shuhada
den Feind im Auge Bismillah

Allahu Akbar Allahu Akbar

(So Gott will, so Gott will,
wir kämpfen, fallen, Märtyrer,
den Feind im Auge im Namen Gottes

Gott ist groß, Gott ist groß“

oder auch vom

„Schwert das niemals ruht, aus Liebe geben wir unser Blut
und wir fürchten nie den Tod, ein Leben an einem besseren Ort“

Und was macht ein Islamist, wenn er die negative Presse bekommt, die er verdient?
Er jammert über eine Hetzkampagne gegen den Islam und gegen seine Person.(**)

Wie sagt man?
Opfer!

(*) Sieht man Videos wie diese, wird deutlich, dass der salafitische Prediger Pierre Vogel gezielt versucht, Rapper für seine Sache zu gewinnen, um über sie möglichst viele Junge Leute zu erreichen.
(**) In diesem Interview rechtfertigt er seine Aufrufe zum Djihad als rein „defensiv“ — dass auch Osama bin Ladin seinen Kampf „gegen Juden und Kreuzfahrer“ als defensiv versteht, erwähnt er natürlich nicht.