Biologische Vielfalt und grammatikalische Einfalt

Grammatikalische Einfalt
Nein, mit ich ist das nicht verbunden, nicht einmal bei Facebook. Wenn Eichhörnchen und Eiche mit irgendetwas Nominativischem verbunden sind, dann wohl nur mit eine deutschnationale Gesinnung.

Polizei schließt es nicht aus: War Hitler Antisemit?

Eigentlich kann man es ja nur gutheißen, wenn die Polizei bemüht ist, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, dennoch stellen sich mir bei Formulierungen wie: „Die Polizei schließt einen antisemitischen/rechtsextremen/rassistischen Hintergrund nicht aus,“ immer wieder die Nackenhaare auf. So hieß es auch heute wieder nach einem Brandanschlag auf die Synagoge in Worms. Was soll denn bitte sonst der Hintergrund eines Synagogenbrandes sein, wenn nicht Antisemitismus? Gefiel den Tätern die Architektur nicht? War es Versicherungsbetrug, ein Kampf rivalisierender militant-jüdischer Gruppen oder „Feuerteufelei“, die nur durch Zufall ihr Ziel in einer Synagoge fand? Wichtiger als alle abstrakten und meist ebenso schwülstigen wie aussagelosen Bekenntnisse gegen Antisemitismus an den üblich-verdächtigen Gedenktagen wäre es, ihn dann zu benennen, wenn er gewalttätig auftritt. Ist ein bloßes: „Die Polizei geht von Antisemitismus als Tatmotiv aus,“ denn zu viel verlangt?

Die Polizei sagt immerhin nicht nein....
Die Polizei sagt immerhin nicht nein…

Ob dieser Antisemitismus dann neonazistisch-rechts, antiimperialistisch-links, arabisch- beziehungsweise palästinensisch-nationalistisch oder islamistisch gerahmt ist, bleibt nach dem Text des Bekennerschreibens freilich unklar: „Sobald ihr nicht den Palästinensern Ruhe gebt, geben wir euch keine Ruhe.“ In Sachen „nicht ganz korrektem Deutsch“ sind sich diese Tätergruppen ja ebenso ähnlich wie im Hass auf die Juden.

„Dialektisch zugleich und undialektisch“

Das Verhältnis von Kolonialismus, Antikolonialismus und Emanzipation ist vieles, aber gewiss nicht eindimensional; dennoch wurde es oft genug eben so gedacht.1 Beispielsweise vor gut dreißig Jahren von meinem Vater, der als Kader einer – zuletzt durch Sven Regeners Neue Vahr Süd zu neuer Prominenz gekommenen – maoistischen K-Gruppe glaubte, jede Einmischung eines Staates in einem anderen sei imperialisitisch und böse, jeder Kampf gegen eine solche Einmischung antiimperialistisch und gut, was dann folgerichtig zu einer Parteinahme für das „Demokratische Kampuchea“, soll heißen für die Roten Khmer, und gegen den „vietnamesischen Imperialismus“, soll heißen gegen die Beendigung des Massenmordes in Kambodscha, führte. Genauso eindimensional nur in umgekehrter Richtung machte es sich 100 Jahre zuvor Jules Ferry, als er die bis heute fortwesende2 Idee der mission civilatrice ausformulierte, nach der die Eroberung und Kontrolle eines „unzivilisierten“ Landes durch die Kolonialmacht den Kolonisierten nach einiger Zeit zum „zivilisierten“ Glück gereichen sollte – dass die Realität nicht nur im französischen Imperium anders aussah, bedarf keiner weiteren Ausführung. Weitere 30 Jahre zuvor glaubte Marx irgendwo zwischen diesen Polen zu wissen, der Kolonialismus sei grausam und das von ihm angerichtete Leid „sickening“, doch erfülle er dabei die Aufgabe, mit überkommenen Ordnungen, mit „despotism“, „superstition“ und „traditional rules“ aufzuräumen und somit den Weg für die angedachte „wirkliche“ Emanzipation freizumachen – auch das hat, vorsichtig ausgedrückt, so nicht hingehauen. Lenins Weiterentwicklung dieser Überlegungenen, die im antiimperialistischen Kampf den Faden entdeckt, an dem man ziehen muss, um das kapitalistische Weltsystem aufzulösen, bedarf hier schon deshalb keiner weiteren Ausführung, weil sie letztlich doch bei den antiimperialistischen Politsekten der 70er endete.
Man könnte nun auf die Idee kommen, dass eine abstrakte Aussage für, wider oder für-und-wider Imperialismus oder Antiimperialismus unmöglich ist, aber eine Betrachtung der Einzelfälle weiterhilft. Doch auch eine solche macht die Angelegenheit nicht unbedingt klarer. Schaut man etwa auf das frühere Rhodesien und heutige Simbabwe und bedenkt die jedem Begriff von „Zivilisation“ Hohn sprechenden institutionell-rassistischen Zustände im erst von England und dann von weißen Siedlern beherrschten Land, ist man zunächst versucht, jeden Kampf gegen diese Herrschaft als einen für Freiheit zu bezeichnen. Doch schon die Tatsache, dass Robert Mugabes ZANU dabei eine Linie verfolgte, die ihr die Solidarität der eingangs erwähnten maoistischen Sekte aus Westdeutschland einbrachte, weckt Zweifel daran, dass das ganze mit „Freiheit“ in einem positiven Sinne irgendetwas zu tun hat – Zweifel, die durch die heutigen Zustände im nunmehr „postkolonialen“ und nach drei Jahrzehnten immer noch von Mugabe diktatorisch regierten Land bestätigt werden.
Vermutlich bedürfte eine angemessene Äußerung einer ganzen Menge an Differenziertheit in der Darstellung, Dialektik im Denken, ein Einbeziehen der Situationen subalterner Gruppen sowie kultureller Hybridität und diverser anderer theoretischer Catchphrases. Doch wenn ich im Kapitel Women, Gender and Anti-colonialism3 aus Robert Youngs Postcolonialism. An Historical Introduction folgende Sätze über den „Freiheitskampf“ in eben diesem Simbabwe lese, fällt mir doch eines ein, das der geneigte Wissenschaftler ohne großen Aufwand tun könnte:

„Between the freedom fighters and those who remained in their houses feeding them, young men and women also worked in a more ambiguous category asmujiba and chimbwido. […] The term for young women, chimbwido, means both an errand-girl and, more suggestively, a wild fruit: in practice, they looked after the freedom-fighters by feeding and clothing them, and were also expected to sleep with them; they often became pregnant by them. Sometimes girls volunteered to become chimbwidos; at other times, when staying near a village the freedom fighters would simply choose girls to be chimbwidos, while requiring all the young people to sleep with them as a means of ensuring that the villagers would not inform the security forces where they were“ (365).

Man könnte einfach darauf verzichten, die unmittelbaren Täter und Drahtzieher organisierter Vergewaltigung4 indikativisch und anführungszeichenlos als „Freedom Fighters“ zu titulieren.

  1. Wer auf den Punkt formulierte Texte bevorzugt, möge die nächsten zwei Absätze überspringen. [zurück]
  2. und freilich über eine lange Vorgeschichte verfügende [zurück]
  3. Eine weitere interessante Einsicht im selben Kapitel: „[S]ocialists an communists always fully supported and implemented rights for women, which were regarded as an essential part of the drive for equality“ (372). Die Tomaten sind also umsonst geflogen. [zurück]
  4. Eine Seite zuvor (364) bezeichnet Young ähnlichen Handlungen als „to exploit in predictable ways“, ohne genauer auszuführen, welche Art von „exploitation“ weiblicher „freedom fighters“ durch männliche nun „predictable“ ist oder um was für eine Art von „freedom“ es sich dann wohl handelt. [zurück]

Was die Deutschen schon immer über ihren Bundestrainer wissen wollten und sich auch zu googeln wagten

Mindestens genau so interessant ist, was derselbe schon immer über „die Afrikaner“ wusste und sich auch zu sagen wagt.

Wetzlar islamisiert!

Ab und an holt sie einen wieder ein, die Jugend auf dem mittelhessischen Dorf. So fühlte ich mich heute in die 90er Jahre zurückversetzt, während derer in meinem trauten Heimatdörflein an der Dill die NPD-Postwurfsendungen aus dem Nazilädchen Zutts Patriotentreff mit dem Wetzlar Kurier von CDU-Rechtsextremausleger H. J. Irmer um die Gunst des Pöbels wetteiferten. In Sachen Rechtschreibschwäche konnte der Oberstudienrat Irmer zwar bei Weitem nicht mit dem Geschmiere der Zutts mithalten, wenn es aber ums Hetzen ging, stand er diesen immer nur gerade so viel nach, wie er musste, um nicht die Grenze zum Justiziablen zu überschreiten. Während die Zutts frei von der Leber gegen „antideutsche“ Politik derer „da oben“ wetterten und forderten, Schüler sollten endlich lernen, dass die Juden Deutschland den zweiten Weltkrieg erklärt hatten, war dem oberlippenbärtigem Unionspolitiker klar, dass solche Thesen nicht einmal in der hessischen CDU gern gesehen sind. Also musste er sich auf Linke, Schwule und „Ausländer“, am liebsten „kriminelle“1, beschränken.
Manches hat sich seitdem geändert. Erreichte die NPD in den 90ern bei Kommunalwahlen knapp ein Viertel der Stimmen, haben der „Aufstand der Anständigen“ und eine vor-Ort-Intervention von Michel Friedmann deren Quote auf läppische 4,9% reduziert; an der Kreuzung von Wetzlarer Straße und Bahnhofstraße, wo weiland die schwarz-weiß-roten Flaggen des Patriotentreffs flatterten, dreht sich heute behäbig ein Kreisverkehr, in dessen Mitte eine nur geringfügig geschmackvollere bronzene Ziegenfamilie die Passanten bedroht.

Die Nachfolger der Zutts
Ziegen statt Zutt, die neuen Leithammel im Dorf

Anderes ändert sich wohl nie. Immer noch trägt Irmer seinen Oberlippenbart, immer noch gibt er den Wetzlar Kurier heraus und immer noch wird er mit satten Mehrheiten in den hessischen Landtag gewählt, von wo aus er Herrn Koch und Frau Henzler als bildungspolitischer Sprecher zuarbeiten darf. Doch wäre es unfair zu sagen, er habe sich in all den Jahren überhaupt nicht weiterentwickelt. Gelernt hat er immerhin, dass man im neuen Jahrtausend nicht mehr „kriminelle Ausländer“, sondern „Muslime“ sagt, wenn man sein rassistisches Inneres zwecks Wähleranwerbung nach außen kehrt.2 Dass er diese Lektion verstanden hat, durfte er diese Woche in der Wetzlarer Neuen Zeitung – die sich noch nie für irgendetwas zu schade war – unter Beweis stellen. Dort macht er dem Parteifreund Wulff, der im Lahn-Dill-Kreis wohl wegen linksextremer Gesinnung unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen würde, schwere Vorwürfe dafür, Aygül Özkan zur Ministerin berufen zu haben. Schließlich sprach sich diese ganz laizistisch gegen Kuzifixe in Klassenzimmern aus. Doch ebenso wie der AKP in der Türkei ist der CDU im Lahn-Dill-Kreis zu viel säkulare Überzeugung nicht geheuer, repräsentiert das Kreuz doch „die prägende Kraft des Christentums für unsere Kultur schlechthin“. Als Marker kultureller Identität hält es, richtig eingesetzt, offenkundig nicht nur Vampire, sondern auch Muslime ab, die sonst „auf die Eroberung der Weltherrschaft fixiert“ ungehindert ins Dilltal strömen.
Da ich – in knapper Not aus besagtem Dorf nach Wetzlar entkommen – selbst lange genug die Bank einer Schule drückte, in der Irmer Lehrer war, kann ich mit Sicherheit sagen, dass es dort keine Kreuze gibt! Nicht ein einziger genagelter Gottessohn zum Schutz vor der Invasion aus dem Osten! Dies wirft unmittelbar die Frage auf: Hat sie schon stattgefunden, die „gefühlte Landnahme“? Ist der Lahn-Dill-Kreis schon islamisiert? War er es damals schon? Das würde jedenfalls erklären, warum die alte Nachbarsfrau beim Straßefegen immer ein Kopftuch trug.

  1. Gegen die machen heute auch ganz andere Stimmung… http://juergenelsaesser.wordpress.com/2010/03/19/kriminelle-auslander-raus/ [zurück]
  2. Eine Lektion, die Irmers Chef Koch 2008 noch nicht verstanden hatte… [zurück]